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Die schönsten Weihnachtsmärchen der Weihnachtsstadt Bad Homburg | © Doro Kaiser Illustration
Vertonte Märchen 2025

Die alte Zeder

von Lotta Brederlow, Klasse 6, Kaiserin-Friedrich-Gymnasium

 

Ava bringt mit einer Kerze Menschen in Bad Homburg zusammen. Unter der alten Zeder erleben sie, dass Weihnachten im Herzen beginnt.

 

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#badhomburg

Die alte Zeder

Das Märchen gelesen von der Autorin jetzt abspielen.
 

 

In Bad Homburg, dort, wo die Louisenstraße zur Weihnachtszeit voller Lichter glänzt und der Duft von Mandeln durch die Gassen zieht, lebte die Elfjährige Ava mit ihren Eltern und ihren drei Geschwistern. Sie liebte Weihnachten, doch in diesem Jahr schien die Stadt seltsam still. Die Menschen eilten hektisch mit ihren vollen Tüten von Geschäft zu Geschäft. Sie suchten Geschenke, aber nicht miteinander. Die Lichter funkelten so wunderbar warm und weihnachtlich, doch niemand sah sie. Ava spürte, dass etwas fehlte.

 Ava wohnte in der Altstadt, ganz in der Nähe des Hexenturms auf der Ritter-von-Marx-Brücke. Eines Abends war sie auf dem Heimweg und ging mit schweren Schritten den Weg hinauf zum Schloss. Sie lief gerne den kleinen Umweg über den Schlosshof vorbei am weißen Turm und dann in die Altstadt. Sie liebte die Atmosphäre des Schlosses.

Vor der großen Treppe blieb sie plötzlich stehen und blickte zur Seite. Da standen sie, die alten Zedern. Groß, majestätisch und mit voll verschneiten Ästen, die wie Arme in den Himmel ragten. Ava ging herüber zu der vorderen und größeren der Beiden. Sie legte ihre Hand auf die Rinde und flüsterte: „Warum ist alles so kalt, obwohl überall Lichter sind?“

Da regte sich plötzlich etwas im Baum. Ein leises Raunen füllte die Luft. „Die Menschen haben das Leuchten in sich vergessen“, sprach die Zeder. „Sie suchen nach Dingen, doch sie haben aufgehört den Moment und das Licht zusehen. Darum glänzen die Straßen, doch nicht ihre Herzen.“ Ava erschrak, doch zugleich fühlte sie Wärme, die durch ihre Finger strömte. „Was kann ich tun?“ fragt sie vorsichtig. Die Zeder neigte ihre verschneiten Äste, als senke sie sich zu Ava hinab. „Erinnere sie. Ein kleines Licht genügt. Wenn es weitergegeben wird, kommt der Rest von alleine.“

Ava rannte zurück in die Stadt. Vor dem Karussell beim Winterzauber am Kurhaus blieb sie, völlig außer Atmen, stehen, nahm eine Kerze aus der Tasche, die sie zuvor beim Bummeln mit ihrer Freundin Adriana bei Müller gekauft hatte und entzündete sie. „Kommt mit mir“, rief sie, „die alte Zeder wartet.“ Die Leute schauten verwundert, manche lächelten müde. Doch ein kleiner Junge ergriff die Hand seiner Mutter und folgte Ava durch den Schnee. Ein alter Mann legte seine Einkaufstasche ab und ging hinterher. Schließlich bewegte sich eine ganze Schar von Menschen aus Neugier über die Louisenstraße mit hinauf zum Schloss.

 Angekommen stellte Ava ihre Kerze unter die Zeder. Ein Mann begann plötzlich zu summen, eine kleine zierliche Frau stimmte ein Lied an und bald sangen alle zusammen Weihnachtslieder. Das Schloss wirkte wie eine Bühne und die Zeder wie eine Königin im Winterlicht. Und plötzlich geschah etwas Wundersames, die alte Zeder begann zu leuchten. Nicht wie die Lichterketten in der Stadt, sondern von innen heraus, warm und golden, als ob jedes Herz, das dort sang, ihr Kraft schenkte. Die Menschen sahen einander an. Zum ersten Mal seit langem. Fremde reichten sich die Hände. Kinder lachten und immer mehr Menschen kamen und erzählten sich Geschichten von vergangenen, schönen Zeiten. Ava lächelte, ihre Augen leuchteten und sie wusste: das war das Licht von dem die Zeder gesprochen hatte.

Von diesem Abend an war es Brauch sich am Abend vor Weihnachten unter der alten Zeder, die nun seit über 200 Jahren in Bad Homburg stand, zu versammeln. Man brauchte keine Geschenke, kein Eilen, nur Kerzen, Lieder und die Freude den Moment miteinander zu teilen.

Und wenn man heute still unter der Zeder steht, kann man noch ihr Wispern hören: „Weihnachten beginnt im Herzen“.

Die schönsten Weihnachtsmärchen der Weihnachtsstadt Bad Homburg | © Doro Kaiser Illustration
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