Es war eine klare, frostige Weihnachtsnacht, als der Ritter von Marx durch den stillen Hardtwald ritt. Plötzlich sprang ein zinnoberrotes Eichhörnchen aus dem Unterholz. Mit einem kühnen Satz landete es auf dem Weg und versetzte dem hoheitsvollen Ross des Ritters — Sankt Waldemar Ludwig Erhardt— einen solchen Schrecken, dass es sich aufbäumte, die Hufe in die eisige Luft schlug und ein so gewaltiges Wiehern ausstieß, dass der Schnee von den Ästen über ihnen rieselte. Kalte Flocken landeten auf dem Helm und den Schultern des Ritters. Er strich dem Ross beruhigend über den Hals. Doch kaum hatte er sich wieder aufgerichtet, drang ein zweites, fernes Wiehern durch den tiefen Wald. Und wenig später erklang eine Konversation der beiden Pferde.
Im Homburger Schloss herrschte reges Treiben, während der Ritter mit seinem Ross den Hardtwald durchquerte. Prinzessin Elisabeth von England und Irland erhielt gerade ein Geschenk. Kein Geschenk in Papier und Band, sondern eines von tieferem Wert: zwei Libanon-Zedern, gesandt zur Vermählung, da die Prinzessin ihre Gärten liebte, und diese Bäume noch nicht besaß.
Mittlerweile erreichte auch der Ritter von Marx das Schloss. Er wurde auf den Trubel aufmerksam und fragte sich, warum so ein großer Aufstand wegen ein paar Bäumen gemacht wurde. „Merkwürdig”, dachte er sich. Alles andere geriet in den Hintergrund, als sein Blick auf die Prinzessin fiel. Ihre Anmut und ihre Eleganz ließen den Trubel um die Zedern vergessen. Der Ritter war so tief in den Anblick der Prinzessin versunken, dass er die umherstehenden Menschen gar nicht bemerkte. „Ein Eindringling!“, rief plötzlich jemand, und hastige Schritte näherten sich. Doch bevor der Ritter reagieren konnte, trat die Prinzessin hervor. Ohne ihre Stimme zu erheben, sagte sie ruhig: „Er ist ein Guter. Lasst ihn passieren.“ Dankbar nickte der Ritter der Prinzessin zu und gab seinem Ross ein Zeichen, einzutreten. Die Umherstehenden zogen sich eilig ins Schloss zurück, um ihrer Arbeit nachzugehen. So blieben nur die Prinzessin und der Ritter zurück. Entgegen vieler Erwartungen, war der Ritter ziemlich schüchtern und ließ die Prinzessin sprechen. Ihre Stimme hatte etwas Beruhigendes—wie frischer Schnee, der lautlos fällt. Sogar das Eichhörnchen, das eben noch über die Äste huschte, schien für einen Moment innezuhalten. Plötzlich fragte die Prinzessin: „Und was ist deine Meinung dazu?“ Verlegen bat der Ritter um eine Wiederholung. Mit einer beiläufigen Handbewegung winkte sie ab. „Das ist halb so wichtig. Erzähl mir lieber was von dir— und viel wichtiger, was machst du eigentlich vor meinem Schloss?“ Verdattert hob der Ritter den Kopf. So direkt hatte er sie nicht erwartet! Doch der Ritter fing sich schnell und erzählte, er habe mit seinem Ross Sankt Waldemar Ludwig Erhardt einen Ausritt unternommen, als er an dieser feierlichen Zeremonie vorbeigeritten sei. „Unsinn!“, lachte die Prinzessin herzlich. „Das war keine feierliche Zeremonie. Mein Bruder schenkte mir zu meiner Vermählung Libanon-Zedern. Darum das ganze Aufsehen.“ „Das ist aber eine aufmerksame Geste“, bemerkte der Ritter, wunderte sich jedoch im Stillen über das ungewöhnliche Geschenk. „Und falls dir das Geschenk merkwürdig vorkommt“, ergänzte die Prinzessin, als könnte sie seine Gedanken lesen, „mein Bruder kennt meine Vorliebe für ungewöhnliche Geschenke —besonders für Libanon-Zedern. Er weiß nämlich, wie gerne ich Gärten mag.“ „Es scheint, als würdest du ein enges Band zu ihm pflegen“, sagte der Ritter. Die Prinzessin nickte. Für einen Moment schwiegen beide—nicht aus Unbehagen, sondern weil Worte plötzlich überflüssig schienen. Dann trat die Prinzessin einen Schritt vor: „Komm, ich zeige dir den Schlosspark.“ Wie in Trance lauschte der Ritter den Worten der Prinzessin. Mit einem leichten Lächeln begann sie, ihm die Geschichte der Orangerie zu erzählen und ließ den Ritter an den verschiedenen Zitrusfrüchten schnuppern. Die Prinzessin führte den Ritter tiefer in den Park. Sie erzählte, wie sehr sie es liebte, der Ernte der Äpfel und Mirabellen zuzusehen— denn der Park beherbergte einen ganzen Obstgarten. Als sie zu den Plantagen kamen, blickte der Ritter sich fasziniert um. Der Garten nahm einen großen Teil des Parks ein und zeigte sich zu dieser Zeit im Frühling in blumiger, duftender Pracht. Um dem Ritter ihren Lieblingsrückzugsort zu zeigen, stiegen die beiden wieder auf ihre Pferde und ritten in den kleinen Tannenwald. „Der idyllische Garten ist chinesisch angehaucht— mit dem chinesischen Teehäuschen, einer kleinen Insel und einer Kolonnade, die im ruhigen Teich liegen“, erklärte die Prinzessin. Als sie am Teehäuschen ankamen, huschte plötzlich etwas Rotes über die Brüstung: das Eichhörnchen. Es sah den Ritter kurz an, als wolle es etwas sagen, bevor es zwischen den Zweigen verschwand.
Dort, nahe des Wassers, hatte sich die Prinzessin liebevoll eine kleine Wohnung eingerichtet, die sie ihm nun zeigte. Der Ritter seufzte leise. „Wäre ich ein Prinz, könnte ich vielleicht auch zwischen Zedern und Teehäuschen wohnen…“, dachte er verträumt. Die Prinzessin erzählte von Mauerei und Schweizerei, beides Teil einer sogenannten Musterwirtschaft, die handwerklichen Arbeiten und der Milchwirtschaft nach schweizerischem Vorbild verbanden. „Ein wunderschöner Garten“, sagte der Ritter beeindruckt. „Und so still. Vorhin, auf meinem Weg durch den Hardtwald, dachte ich auch, es sei ruhig —bis plötzlich ein schauriges Wiehern aus den Tiefen des Waldes ertönte, nachdem mein Pferd unruhig geschnaubt hatte. Obwohl der Ritter zunächst noch sehr zurückhaltend gegenüber der Zedern war, konnte er die Faszination der Prinzessin nun immer besser nachvollziehen. Er entschied, beim Kämpfen zu bleiben, aber versprach sich selbst, mehr über Gärten zu lernen. Die Prinzessin bot ihm lächelnd ihre Hilfe an. Gleich am nächsten Tag zeigte sie ihm den Kurpark. Manchmal, wenn der Wind durch dessen Bäume streicht, meint man, ein zinnoberrotes Wesen zwischen den Zweigen huschen zu sehen—wie damals im Hardtwald. Außerdem besagen Legenden, dass die Prinzessin ihm noch immer neue Gärten und ihre Besonderheiten zeigt. Wer jener geheimnisvolle Reiter war, flüstert der Hardtwald nur dem Wind—und manchmal dem roten Eichhörnchen.